Gott selbst ein Fluechtling!?

28. November 2010 geschrieben von

Adventliches aus Kakuma Refugee Camp, Nordwestkenia

Zuerst die Wetterlage: Weihnachten ohne Schnee, das ist schon mal ziemlich sicher. Die Temperatur bleibt bestaendig hoch (30-40 Grad C).

Sonst weiss ich nicht genau, wie sich Weihnachten hier im Fluechtlingslager anfuehlen wird, wie es gefeiert wird, mit welcher Hoffnung oder Freude auf dieses goettliche Kind gewartet wird…war zu Weihnachten ja noch nie in Kakuma…

Dazu kommt, dass mehr als 50% der Fluechltinge, also rund 40.000 keine ChristInnen sondern MuslimInnen aus Somalia sind und kein Weihnachtsfest feiern…

Also kein Weihnachten heuer in Kakuma? Wird Gott hier nicht Mensch, ohne Schnee in der Halbwueste, ohne Christbaum, inmitten von Menschen, die nicht an seine Menschwerdung glauben? Ziemlich biblisch, das Umfeld…

Matthaeus 2,13f: Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.

Ein ungewoehnliches, verstoerendes, trauriges Weihnachtsbild, das mich unruhig werden laesst: Gott selbst flieht vor Verfolgung und (Kinder-) Mord, Gott selbst ist ein Fluechtling? Ploetzlich ist das neugeborene Jesuskind verbunden mit vielen Millionen Fluechtlingen weltweit, mit den knapp 80.000 hier im Fluechtlingslager in Kakuma, fern von Heimat, oft ohne Familie, verwundet, vertrieben, verfolgt…

Fluechtling sein und Weihnachten passen fuer mich schwer zusammen, ich haette lieber Kachelofen, Familienidylle, Kekslduft, Geschenke und BlaeserInnenensembles, Mitternachtsmette und Sternspritzer…

Vorweihnachtlich in Kakuma mit Zweifeln: Sollte die Blickrichtung, die Hoffnung, die Vision nicht eine Welt ohne Fluechltinge sein, ohne Krieg, ohne Verfolgte?

Frommer Weihnachtswunsch… Jeden Tag kommen in Kakuma einige Dutzend neuer Vertriebener aus Darfur (Sudan), aus der Demokr. Republik Congo und aus Somalia an.

Die Hoffnung bei Matthaeus liegt wohl darin, dass Gott selbst ein Vertriebener war, dass Gott sich zutiefst solidarisch zeigte und ein Fluechtling unter Fluechtlingen ist, Gott gerade zu Weihnachten hier in Kakuma…?

Habe zu kaempfen mit dem Paradoxon: Gott, wem sonst, will ich es zutrauen, Leid und Krieg und Verfolgung zu beenden, dann, gleichzeitig finde ich dich, Gott unter den Verletzlichsten, unter den Machtlosesten… kopfschuettelnd…

Advent-Herausvorderung: warten auf die/den, die/der kommen wird… ungeduldig bin ich…

Was mich mutlos macht

ist daß es so schwer ist
zu sehen wohin ein Weg geht
zum Recht und zur sicheren Zukunft
aber was mir dann wieder Mut macht
ist daß es so leicht ist
zu sehen wo Unrecht geschieht
und das Unrecht zu hassen

Und auch wenn es nicht leicht ist
gegen das Unrecht zu kämpfen
so verliert man dabei
doch nicht so leicht seine Richtung
denn das Unrecht leuchtet so grell
und verbreitet so starken Geruch
daß keiner die Spur des Unrechts verlieren muß

Wenn der Weg zum Recht und zur Zukunft
dunkel ist und verborgen
dann halte ich mich an das Unrecht
das liegt sichtbar mitten im Weg
und vielleicht wenn ich noch da bin
nach meinem Kampf mit dem Unrecht
werde ich dann ein Stück
vom Weg zum Recht erkennen

Erich Fried

Zu “Recht und Unrecht” ein interessantes/herausforderndes Gespraech mit Benjamin, 21, Fluechtling aus der Demokr. Rebuplik Congo: Er fragt sich/mich, warum soviel Geld in den Erhalt von Fluechtlingslagern fliesst, und nicht dort eingesetzt wird, wo Konflikte, Kriege… Menschen in die Flucht zwingen, also mehr Symptombekaempfung betrieben und weniger an der Loesung der eigentlichen Krisenherde gearbeitet wird…

Einerseits also z. B UN-Fluechtlingspolitik und andererseits Interessen vieler waffenexportierender Laender (USA, China, Frankreich…), die wichtige “Player” in der UNO sind…

Die Spannung ist greifbar, die Fragen grosse, das Ziel einer konfliktfreien Welt ohne Fluechltinge total ueberhoeht, die Interessen weniger machtvoll/zerstoererisch, die Apathie der Masse erdrueckend… Gleichzeitigkeit von Gegensaetzen…

Und dann diskutieren wir ueber das Bild des “Fluechtlings” (arm, hilflos, ohne Zukunft, Opfer…) und die Aufrechterhaltung/Reproduktion (bewusst?) dieses Bildes durch Fluechtlingsorganisationen…um eben Gelder zu bekommen… und der Fluechtlinge, um beherbergt, gespeist, versorgt zu bleiben…

Denn: wer spendet schon Geld fuer Menschen, die ohenhin faehig sind, ihr Leben selbst zu meistern…?

Und doch passen soviele der Fluechtlinge so gar nicht in dieses einseitige Bild: Ja, Fluechtlinge hier in Kakuma sind AUCH Opfer und hilfsbeduerftig, traumatisiert und arm, aber NICHT NUR: Fluechtlinge hier in Kakuma haben ein grosses Potential, lernen, unterrichten, heiraten,lassen sich scheiden, erziehen ihre Kinder, helfen Schwaecheren in ihrer Nachbarschaft, kaempfen gegen Unrecht, verschaffen sich Vorteile, betreiben Geschaefte, vergewaltigen, versuchen Geld zu verdienen, haben grosse Ideen, werden reich, sind angesehen, sind vergessen, leben allein oder in Grossfamilien, sind singles, BetruegerInnen, Diebe, LehrerInnen, Muetter, trinken ihren Kaffee oder Tee, weinen, lieben, verzweifeln, hoffen…

Kakuma-Highlights der letzten Wochen:

Foto1: Feier mit mehr als 300 Gaesten im JRS-Day Care Center 1 anlaesslich des International Day of People with Disability am 3. November 2010.

Foto 2: Fluechtlinge wirbeln Staub auf!?

JRS International feierte am 14. Novmber sein 30 jaehriges Bestehen. http://www.jrs.net/

Foto 3: Der ueber Kohlenfeuer frisch gebruehte aethiopische Kaffee schmeckt wunderbar.

3 Frauen und ein Mann mit ca. 12 Kindern sitzen an der Strasse zum eingezaeunten Bereich von UNHCR (UN Fluechtlingshochkomissariat). Als sie mich, einen Muzungu, einen Weissen sehen, umzingeln sie mich und beschweren sich, dass sie von den zustaendigen UN-MitarbeiterInnen abgewiesen wurden, sie wollen doch hier bleiben und nicht in ein anderes Lager gehen, aber ihre Situation wird nicht Ernst genommen… verstehe nicht genau, um was es geht, weiss aber, dass viele Fluechtlinge ueber Diskriminierung und Ueberfaelle im Lager klagen – aber ich arbeite doch nicht fuer UNHCR-Protection…! Was soll ich also tun… wiedereinmal nur zuhoeren?

Eines der kleinen Kinder, ich war so auf die Frauen konzentriert und habe es nicht wahrgenommen, nimmt ploetzlich meine Hand und reibt meine Haut: Geht denn die Farbe nicht ab? Ist der denn wirklich so weiss, kein Schwarz darunter? Ploetzlich lachen wir alle…

Danke fuer Eure Gedanken!

Gesegnete Advents- und Weihnachtszeit!

Peter Hochrainer

PS: Wer fuer die Projekte von JRS-Kakuma spenden will:

Spendenkonto “Menschen für andere – Jesuitenaktion”
PSK KontoNr.: 7086 326
BLZ: 60 000
BIC: OPSKATWW
IBAN: AT52 6000 0000 0708 6326
Verwendungszweck “Peter Hochrainer JRS Ostafrika”
Asante! Danke!

3 Antworten zu “Gott selbst ein Fluechtling!?”

  1. joch weißbacher sagt:

    hallo, peter!
    mit großem interesse lese ich imer deine nachrichten – danke dir dafür. danke auch für das viele gute, das du den menschen dort schenkst – und sei es nur deine art zuzuhören. das können heute so viele nicht mehr.
    ich verstehe, dass dir weihnachten im gewohnten sinn fehlen wird (ich könnte und muss es hoffentlich nie vermissen), und trotzdem wird auch dir und euch ein licht aufgehen in dieser nacht – ich wünsche es euch.

    sei von herzen gegrüßt vom joch aus der wildschönau, der oft an euch und deine große aufgabe denkt.
    alles gute – und gottes egen!

  2. Silvia Wiener sagt:

    Lieber Peter!

    Ich freue mich immer ganz besonders über Ihre Berichte, die mich aber in ihrer Direktheit auch beunruhigen. Ich hoffe, Sie können das Klima und die sonstigen Umstände einigermaßen ertragen. Wir alle hier in Stams bewundern Sie aufrichtig.
    Zum nahen Werihnachtsfest: Hier in Stams ist bereits alles adventlich geschmückt, Pater Felix hat heute die Adventkränze geweiht. In der Adventzeit ist alles mögliche geplant (Rorate, adventliche Wanderung….).
    Wir bemühen uns hier in dieser geschützten, behüteten Umgebung um die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest, doch ich denke, es tut sehr gut, die Brichte aus Kakuma zu lesen, es relativiert sich so vieles.

    Lieber Peter, passen Sie gut auf sich auf! Viele gute Gedanken aus Stams begleiten Sie!

    In Verbundenheit

    Silvia Wiener

  3. Anina Außermaier sagt:

    Danke Peter für das Teilen Deiner Erfahrungen mit uns. Nur schwer kann ich mir die, von Dir geschilderten Situationen, vorstellen.

    Einfach weil ich in einer so ganz anderen Welt lebe.

    Umso dankbarer bin ich für Deinen Blick der Weihnacht – ein Blick der mich in die Weite führt…

    Den Frieden des Kindes von Bethlehem wünsche ich Dir und dem Land und den Menschen in Kakuma
    Anina

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