Archiv für die Kategorie ‘Israel’

Israel und Gaza: Abwarten

18. November 2012 geschrieben von

Alle hier warten gespannt auf das, was die nächsten Stunden und Tage bringen werden. Nach dem Alarm, der uns am Freitag pünktlich zu Beginn des Sabbats erreicht hatte, herrscht heute am Sonntag (dem ersten Arbeitstag der Woche) wieder weitestgehend Normalität.

Auffällig ist nur die hohe Polizeipräsenz auf der Straße – und die jungen Israelis, die heute nicht auf den Straßen unterwegs sind, weil sie von der isrelischen Armee zum Kriegsdienst eingezogen worden sind. Ich habe mit einer Kollegin gesprochen, deren Sohn „irgendwo bei der Armee“ ist. Er darf niemanden darüber informieren, wo er sich gerade aufhält. Seine Mutter ist natürlich in großer Sorge.

Wir verfolgen die Nachrichten und fragen uns, ob wirklich eine israelische Bodenoffensive bevorsteht. Auch in diesem Fall wären wir in Jerusalem weiterhin sehr sicher. Ich habe gerade zusammen mit Wenzel, dem zweiten JMV in Jerusalem, beschlossen, dass wir beide fürs Erste in Jerusalem belieben und uns auch nicht von hier wegbewegen werden. So wissen alle, die sich in Deutschland Sorgen um uns machen, wo wir gerade sind, und können beruhigt sein.

Bei uns allen hier herrscht weniger Angst um unsere eigene Sicherheit, als  Trauer um die Menschen, die in und um Gaza auf beiden Seiten bereits zu Tode gekommen oder verletzt worden sind. Wir haben Angst um diejenigen, die gerade südlich von uns den direkten Gefahren dieses Konflikts ausgesetzt sind. Wir alle hoffen auf ein baldiges Ende des Blutvergießens.

Israel und Gaza: Damit haben wir nicht gerechnet.

17. November 2012 geschrieben von

Damit haben wir nicht gerechnet: Der Alarm kommt heute Nachmittag. Als das Heulen der Sirenen beginnt, folgen wir den Anweisungen des israelischen „Homefront Command“: Im Falle eines Alarmes soll man sich ins Treppenhaus begeben und eine Etage nach unten gehen. Dort wartet man 10 Minuten. Dann ist es vorbei.

Wir stehen im Treppenhaus. Die Sirenen sind gerade erst verstummt, da hören wir einen dumpfen Knall. Eine Rakete, die aus dem Gazastreifen in Richtung Jerusalem geschickt worden ist, explodiert.

Draußen rasen Polizeiwagen mit ihren schrillen Sirenen an unserem Haus vorbei. Sie sind auf der Suche nach dem Einschlagsort der Rakete. Wir sind ruhig und warten ab, bis die vorgeschriebenen 10 Minuten vorbei sind. Dann gehen wir wieder in unsere Wohnung. Sofort suchen wir im Internet nach Informationen über den Einschlagsort, eventuelle Schäden und Verletzte. Wir finden nicht viel. Die Medien sind dazu angehalten, keine Details zu Raketeneinschlägen preiszugeben, denn die Hamas im Gazastreifen könnte die Hinweise nutzen, um die Flugbahn ihrer Raketen beim nächsten Mal zu präzisieren.

Wir hören Schüsse aus Ostjerusalem. Von dort donnern Gewehrsalven über die Stadt. Die einen sagen, dass es Freudenschüsse sind, die aus Solidarität mit Gaza und der Hamas abgefeuert werden. Andere sagen, dass es wahrscheinlich die israelische Polizei ist, die palästinensische Demonstranten einschüchtern will.

Mit dem Luftalarm in Jerusalem hat sich der Konflikt zwischen Israel und Gaza für uns brutal konkretisiert. Dass tatsächlich Raketen zu uns geschickt werden könnten – damit haben wir nicht gerechnet. Und obwohl wir wussten, dass dort unten Krieg herrscht, hat es uns alle vollkommen unvorbereitet getroffen.

Seit dem letzten Alarm ist bei uns nicht mehr viel passiert. Wir warten ab, was die Nacht bringt.

Israel und Gaza: Zunächst sah es nach Routine aus

15. November 2012 geschrieben von

Es sah zunächst so aus, als wäre es die übliche Routine: Aus dem Gazastreifen, der etwa 80 km Luftlinie von uns in Jerusalem entfernt liegt, regneten im Laufe der letzten Tage dutzende Raketen auf den Süden Israels nieder. Israel seinerseits antwortete mit Luftangriffen. In meiner Zeit hier habe ich das bereits viele Male erlebt. Üblicherweise endet eine solche „Runde“ der Auseinandersetzung mit einem Waffenstillstand, der zwischen beiden Seiten meist mit der Hilfe von Ägypten geschlossen wird. Danach bleibt es relaitv ruhig, bis es in die nächste Runde geht.

Gestern Abend wollte ich gerade meinen Computer ausschalten, um nach Hause zu gehen, als ich auf Facebook die Nachricht las, dass der Militär-Chef der Hamas, Ahmed al-Dschabari, in einem gezielten Angriff der israelischen Luftwaffe in Gaza getötet worden sei. Damit war klar, dass die Routine der letzten Auseinandersetzungen gebrochen war. Auf meinem Weg nach Hause durch die Stadt war die erhöhte Polizeipräsenz zu sehen. Viele Leute blieben vor Fernsehern in Geschäften stehen, auf denen immer wieder die verbrannten Überreste des Wagens von al-Dschabari gezeigt wurden.

Bei mir zu Hause verfolgten meine Mitbewohner und ich bis in den späten Abend die Nachrichten im Radio und im Internet. Minütlich kamen neue Meldungen. Mal hieß es, dass das Militär Reservisten für eine Bodenoffensive einberufe, dann wieder hieß es, dass man erst einmal abwarte, wie die Reaktion aus dem Gazastreifen aussehe. In der deutschen Tagesschau mischte Richard C. Schneider, ARD-Korrespondent in Tel Aviv, eifrig mit bei den Spekulationen über das, was nun bevorsteht: Die Tatsache, dass die israelische Militärführung die Operation von den Bunkern unter Tel Aviv aus lenke, zeige, dass Israel die Situation als Krieg werte. So wie Richard C. Schneider sind alle Journalisten und Beobachter auf der Suche nach kleinen Hinweisen, die uns eine Ahnung geben könnten, wie es nun weitergeht. Denn sicher weiß es keiner.

Und so sitzen wir vor uneseren Radios, Fernsehern und Computern, um immer neuen Schreckensmeldungen zu erhalten. Gerade eben haben wir gehört, dass eine Rakete ca. 50 km von uns enfernt drei Israelis getötet hat. Aus Gaza hören wir von mindestens 15 Toten und mehr als hundert Verletzten. Eine der großen Fragen, die wir uns stellen, ist, ob die Hamas nach den Luftangriffen noch in der Lage ist, Raketen abzufeuern, die bis nach Tel Aviv reichen.

An der Social-Media-Front tobt inziwschen auch der Krieg. Israel-Supporters zeigen Bilder eines israelischen Babys, das bei einem Raketenangriff verwundet wurde. Die Gegenseite zeigt ein getötetes Baby im Gazastreifen. In Foren wird wild darüber diskutiert, wer Täter und wer Opfer ist. Dabei ist es mit dem guten Ton schnell vorbei. Israel muss sich in antisemitischen Kommentaren die Verantwortung für diesen Krieg, „9/11 und all die Kriege gegen unschuldige Menschen, die von den USA aufgrund von zionistischen Lügen geführt wurden“, in die Schuhe schieben lassen, während anti-islamische Kommentare klarstellen, dass Gott für Ismael bereits vorhergesagt habe, dass seine Nachfahren „wilde Esel“ sein würden.

Wir sitzen hier und warten ab, was die nächsten Stunden bringen. Dies ist die neueste Meldung: Auf Youtube ist ein Videoclip zu sehen, der zeigt, wie der tote Körper von Ahmed al-Dschabari aus dem Wrack seines Autos geschleift wird – in zwei Hälften. Mir ist schlecht. Wegen des Videos und der Kommentare darüber.

Von Passion und Auferstehung in der Heiligen Stadt

01. April 2012 geschrieben von

Es könnte keinen besseren Ort für die Verkündigung der Auferstehung geben als Jerusalem, dem Ort, an dem im Sommer die Sonne das Land gelb verbrennt und im Winter der Regen den Boden ertränkt. Der Frühling ist die einzige Zeit im Jahr, in der dieses Land der Gegensätze sein fruchtbares Gleichgewicht zu finden scheint. Die Botschaft Osterns als eine Zeit des Aufbruchs ist eine besondere, hier im Lande Israels mit seiner Heiligen Stadt.

Blick auf Jerusalem im Frühling. Foto: Sebastian Hiltner

Blick auf Jerusalem im Frühling. Foto: Sebastian Hiltner

An Ostern liegt Jerusalem eingebettet in grüne Hügel. Wer vom Ölberg her auf die Stadt zuläuft, kann das einzigartige Panorama bewundern, in dem moderne Hochhäuser mit großen Kuppeln, Kirchtürmen und Minaretten konkurrieren. Überstrahlt wird alles von der goldenen Pracht des Felsendoms, der über den Häusern zu schweben scheint. Dies ist das Bild, mit dem die christlichen Pilger begrüßt werden, wenn sie am Palmsonntag durch das Löwentor in die Stadt einziehen. Ihr Weg endet in den engen Gassen der Altstadt, über denen sich ein Gewirr aus Stimmen und Sprachen entspannt. Es wird übertönt vom Brüllen der Marktschreier, von den Glocken der Kirchen und vom Rufen des Muezzins. Der Duft von orientalischen Speisen und Gewürzen mischt sich mit dem beißenden Geruch von Weihrauch und dem sanften Qualm der Wasserpfeifen. Jerusalem kann ein perfektes Bild unserer Vorstellung des Orients sein. Genauso wie die Natur außerhalb der Stadtmauern im Frühling ihre schönste Seite präsentiert, scheint innerhalb der Stadt das Leben idyllisch.

Für Pilger bekommt dieses Bild spätestens am Karfreitag Risse. Haben sie noch am Palmsonntag kurz nach dem Löwentor am Eingang der Altstadt halt gemacht, tauchen sie nun entlang der Via Dolorosa wirklich in das Treiben Jerusalems ein. Auf dem Weg zur Grabeskirche werden die Gassen immer enger, immer häufiger säumen Soldaten mit schweren M-16 Maschinengewehren den Weg. Sie fordern die Pilger durch Rufen und Schubsen dazu auf, nicht zu lange an den einzelnen Stationen des Kreuzwegs zu verweilen. Das Betreten der Grabeskirche und das Beten der letzten Stationen ist schließlich nur noch denjenigen erlaubt, die die größte Durchsetzungskraft im Gedränge beweisen und es schaffen, sich durch das schmale Eingangstor zu zwängen.

Wer Jerusalem am Karfreitag erlebt hat, weiß, dass die vielen Menschen mit ihren unterschiedlichen Sprachen, Religionen und Nationalitäten auf diesem engen Raum nicht nur ein reines, idyllisches Bild des Miteinanders bieten. Wer Jerusalem am Karfreitag erlebt hat, weiß um die Spannung, die hier in der Luft liegt.

Gedränge am Eingang der Grabeskirche. Foto: Sergio Rodriguez

Gedränge am Eingang der Grabeskirche. Foto: Sergio Rodriguez

Die Ostergeschichte erzählt von der Verzweiflung und der Dunkelheit, in die sich die Jünger gehüllt sahen, als sie am Ostermorgen an das Grab Jesu zogen. Sie fragten sich, wer den Stein, der am Eingang des Grabes Jesu lag, wegwälzen könnte.

Wer heute von Jerusalem nach Emmaus wandern will, so wie es die zwei Jünger Jesu am Abend nach der Auferstehung taten, findet sich auch vor einem solchen „großen Stein“ wieder. Zwischen den grünen blühenden Hügeln erhebt sich eine gewaltige Betonmauer, die den Weg versperrt. Die Mauer trennt das Staatsgebiet Israels vom palästinensischen Westjordanland. Sie ist die in Stein gehauene Manifestierung des Konfliktes, der diese Region seit schon so langer Zeit nicht zur Ruhe kommen lässt. Für viele, die hier leben, ist sie Ausdruck der Hoffnungslosigkeit auf ein baldiges friedliches Miteinander.

Der Ort, an dem das biblische Emmaus lag, lässt sich heute nicht eindeutig bestimmen. Einiges spricht dafür, dass es das kleine Dorf Qubeibeh am nordwestlichen Rande Jerusalems gewesen ist. Heute steht dort ein Konvent. An jedem Ostermontag wird dort ein rauschendes Fest für die Volontäre im Heiligen Land gefeiert. Sie nehmen den Fußweg aus dem Gedränge Jerusalems durch Militärcheckpoints auf sich, um hier die Auferstehung Jesu zu feiern.

Fragt man die Volontäre christlicher Organisationen nach ihrer Abreit und ihren Erfahrungen, erzählen sie zum Beispiel von einem Hospiz Mitten in Jerusalem. Dort treten schwerkranke Juden, Moslems und Christen gemeinsam die letzte Reise ihres Lebens an. Die Volontäre berichten von kleinen Gesten der Hilfe, Menschlichkeit und Solidarität, die sie dort in ihrem Alltag beobachten. Sie berichten von einem friedlichen Miteinander von Patienten und ihren Familien über alle Grenzen des Glaubens oder der Nationalität hinweg.

So wie die Volontäre aus dem Hospiz können alle hier in Emmaus ihre eigene Geschichte aus dem Heiligen Land erzählen. Es sind Geschichten, die Hoffnung darauf spenden, dass eine Zukunft der Brücken und nicht der Mauern auch hier möglich ist. Es könnte keinen besseren Ort für die Verkündung der Auferstehung geben als diesen hier. Die Botschaft Osterns als eine Zeit des Aufbruchs ist eine besondere, hier im Heiligen Land mit seiner Heiligen Stadt.

“Auf Ihren Schultern lastet eine ungeheure Schuld”

15. Januar 2012 geschrieben von

Ich treffe Miriam das erste mal eher durch Zufall in Tel Aviv. Wir sind beide auf einer Veranstaltung eingeladen. Dass sich auch Deutsche auf dieser Veranstaltung aufhalten, ist nicht unbedingt selbstverständlich. So hat Miriam keine Ahnung über meine Herkunft, als sie mit mir ins Gespräch kommt. Wir stellen uns einander vor und halten small talk über unsere Veranstaltung, das Wetter – das, worüber man sich eben unterhält. Schließlich fragt sie mich in ihrem gebrochenen Englisch, woher ich denn käme. Ich antworte ihr, dass ich „from Germany“ sei.

Miriam wird still, senkt den Kopf, blickt nach unten und krempelt dann wortlos den Ärmel ihres rechten Arms hoch. Auf der faltigen Haut ihres Unterarms stehen einige Ziffern. Miriam sagt: „From Germany – Aih! But maybe today we need friends.“ Sie geht.

Nur in Auschwitz hat man die Häftlingsnummern auftätowiert. Sie sind noch heute ein unverkennbares Mal, das Auschwitz auf den Überlebenden hinterlassen hat. Ich brauche einen kurzen Moment, um mir diese Tatsache in Erinnerung zu rufen. Ich bin froh, dass Miriam später zu mir kommt, um sich zu verabschieden, bevor sie aufbricht. Sie gibt mir ihre Karte und sagt mir, dass sie mich gerne zu sich nach Hause einladen würde.

Ein Morgen in Jerusalem im Winter ist kalt, feucht und grau. Die Wolken hängen tief und die Straßen sind mit einem glitschigen, nassen Film überzogen. Ich setze mich in ein Sammeltaxi und trete die kurze Reise nach Tel Aviv an. Jerusalem liegt hoch in den Bergen, Tel Aviv hingegen liegt auf  Meereshöhe am Strand des Mittelmeeres. Je weiter wir die Berge von Jerusalem hinter uns lassen und hinunter nach Tel Aviv fahren, desto mehr klart sich der Himmel auf. Es wird wärmer und wir können nun die Sonne sehen vor einem klaren, tiefblauen Himmel.

In Tel Aviv steige ich aus dem Taxibus an der Central Bus Station aus und trete in die Wärme des Morgens, die hier herrscht. Hier ist es deutlich wärmer als in den Bergen. Das Geschrei von Menschen, laute LKWs und Autohupen spielen die Musik der Großstadt. Weil ich etwas in Zeitnot bin, steige ich in ein weiteres Taxi, das mich in den Vorort bringen soll, in dem Miriam wohnt. Ich habe lange gewartet, bis ich sie nach unserem Zusammentreffen angerufen habe und sie gebeten habe, mir ihre Geschichte zu erzählen. Auf dem Weg zu ihr im ewigen Stau Tel Avivs im Schatten von Hochhäusern denke ich an unsere erste Begegnung. Sie war offenbar erschrocken, als sie erfuhr, dass ich Deutscher bin. Ein Holocaustüberlebender hat mir einmal gesagt: „Sie haben sich nicht schuldig gemacht, aber auf Ihren Schultern lastet eine ungeheure Schuld.“ Diese Schuld habe ich gespürt, als Miriam vor mir erschrak, weil ich Deutscher bin.

Miriam wohnt am Rande von Tel Aviv in einer großen Wohnung in einem modernen Haus. Es ist ruhig hier. Vögel zwitschern und Zitronenbäume strecken ihre Äste und Zweige in den tiefblauen Himmel. Beim Eintreten in Miriams Wohnung werde ich von hunderten Gesichtern angeblickt. Auf Gemälden, Fotos, Postern – die Wohnung ist voll mit Bildern, auf denen Menschen zu sehen sind. Miriam empfängt mich freundlich und bietet mir Kaffee an und Kuchen, den ihre Tochter gebacken hat. Ihre Tochter. Überall in der Wohnung sind Fotos von Miriams Töchtern zu sehen. Miriam deutet auf eine Bilderserie an der Wand, die eine blonde Frau tanzend auf einer Bühne zeigt. „That is my daughter. She is a dancer. Isn’t she beautiful? – And this is my other daughter, she is a pianist. Look at her! Look!“ Und Miriam steht auf, um das Bild von der Wand abzunehmen und mir zu zeigen. „And I also have five grandchildren. They are over there.“ Miriam deutet auf eine Kommode, von der aus mich junge Gesichter in silbergerahmten Fotos anschauen. „Eat your cake, eat! And then we will go to my office.“

Inzwischen hat Miriams Mann den Raum betreten. Er stellt sich als ungarischer Jude vor. „I met my wife in a camp in Sweden“, sagt er nickend. Ich verstehe. Er teilt das Schicksal mit hunderttausenden ungarischer Juden, die noch in den letzten Kriegsmonaten nach Auschwitz deportiert wurden, auch noch als das Ende des Krieges deutlich abzusehen war. Offenbar möchte er nicht über seine Erfahrungen sprechen. Er blickt nur besorgt herüber zu seiner Frau und schaut dann mir in die Augen: „It’s not easy to talk about this, you know.“

Wir gehen in Miriams Büro. Während das Wohnzimmer lichtdurchflutet von einer großen Fensterwand gewesen ist, ist es hier deutlich dunkler. Die Regale an den Wänden sind vollgestopft mit Büchern. Dazwischen wieder unzählige Fotos von Miriams Familie: Die Tochter beim Tanzen, die Enkel beim Spielen im Garten, die Enkel etwas älter, jetzt cool mit gestylten Haaren und Sonnenbrille. Ich entdecke auch zwei Portraits in schwarz-weiß. Ein Mann und eine Frau sind darauf zu erkennen. Ich frage, wer diese beiden Menschen seien, und Miriam beginnt zu erzählen.

„I was born in Krakow. This is my father and this is my mother. My father was a rich man. Here on this photo I am walking on the street with my mother. Do you see the nice dress I am wearing? We were doing very well. Ah! Erinnerungen…“ Ich deute auf ein anderes Foto und frage: „And this is your brother?“ – „Yes, this was my brother. Aih! Schicksalstage…“ – „What happened to them?“ – „They were killed!“ Miriam schaut mich mit großen Augen an. „They were killed. My father was taken to Belzec and my brother was also taken away from us.“ Belzec – das ist eines der Todeslager in Polen. Wer an den Holocaust denkt, denkt oft sofort an Auschwitz. Das liegt daran, dass Auschwitz sowohl Vernichtungslager- als auch Arbeitslager gewesen ist. Von dort gab es Überlebende, die berichten konnten, was ihnen widerfahren ist. In Belzec hingegen wurden die ankommenden Menschen sofort vergast. In einer Kammer, in die Abgase eines Motors geleitet wurden. Von den über 400.000 Menschen, die in dieses Lager gebracht wurden, haben nur zwei überlebt. Miriams Vater überlebte nicht.

„This picture is the only thing that is left from my father. Vater. You know, when I met my husband in Sweden we spoke in German. But not anymore. Das war einmal.“ Miriam schüttelt den Kopf und senkt den Blick, so wie sie es schon bei unserem ersten Aufeinandertreffen getan hat. „And what about your brother?“, frage ich. „My brother? I don’t know. I have seen him for the last time shortly before we were tranferred to Plaszow.“ Plaszow – jeder kennt dieses Lager aus dem Film Schindler’s Liste. Jeder erinnert sich auch an den sadistischen Lagerkommandanten Amon Göth und an das Bild, wie er ohne Hemd rauchend auf seinem Balkon steht mit einem Gewehr auf dem Arm. Als Miriam den Namen Amon Göth erwähnt, zittert sie am ganzen Körper. Dies ist also das Bild des Deutschen, das sie hat erschrecken lassen, als wir uns das erste mal getroffen haben. Mir wird klar, wie schwer es Miriam gefallen sein muss, mich zu sich nach Hause einzuladen. Wie schwer es ihr gefallen sein muss, ihr Bild eines Deutschen zu überwinden und in mir nicht Amon Göth zu sehen. Ihr Mann hat recht: „It is not easy to do this.“ Nicht nur, weil es generell schwierig ist, über solch traumatische Erlebnisse zu sprechen, sondern auch, weil es in diesem Falle besonders schwierig ist, mit einem Deutschen darüber zu sprechen.

„The photos are the only thing that is left. When my aunt and uncle were deported, I suddenly had to take care of my three cousins. They were shot right in front of my eyes because they were too young to work. I was 14. I do not have any pictures of them. Sometimes I think I should have gone with them, like Janusz Korczak went with his children. But then they would not be here.“ Miriam zeigt auf die Fotos von ihren Töchtern und den Enkelindern. „Aih! Erinnerungen…

Miriam berichtet von der Räumung des Lagers Plaszow. Vom Überleben in Auschwitz. Vom Todesmarsch nach Bergen-Belsen. Vom Tod ihrer Mutter. Von der Befreiung. „Someone came and said: ‚The war is over’, and I said: ‚What now? But now it’s too late! Everyone is dead!’ I weighed only 27 kilo. I didn’t want to live. I was lying in a hospital and I overheard the converstaion of two Germans saying: ‚Das kann nicht richtig sein. Davon haben wir nicht gewusst.’ That was the moment when I decided that I am going to live and that I will tell my story. And now I told it to you. Erzählen…“ Miriam blickt mich an. Ich schweige und erwidere den Blick. „And you have blue eyes and I have blue eyes“, sagt Miriam und lächelt. „We are not so different.“

Miriam ist heute Schriftstellerin. Sie hat 11 Bücher veröffentlicht, die in 13 Sprachen übersetzt worden sind. Ich werde im kommenden Sommer nach Polen fahren. In meinem Gepäck werde ich einen Zettel mit der Adresse von Miriams Elternhaus in Krakau haben. Ich habe ihr versprochen, ein Foto für sie zu machen. Als ich mich verabschiede, sagt Miriam zu mir: „Good bye. And maybe… we can be friends.“